Irgendwo im Nirgendwo

25. 3. 2021

          
Wir befanden uns auf dem Weg ins Dorf zu Verwandten von Ibrahima, einem guten Freund von mir. Der Morgen war noch frisch und angenehm kühl, also nutzten wir die Gunst der Stunde, denn wir hatten eine längere Reise vor uns.

Nach einem kurzen Frühstücks-Stopp, in einem typisch senegalesischen "Tangana", eine aus Brettern und Plastikblachen zusammengesetzte Baracke, in denen es die allerbesten Nescafés, Tees, und die wunderleckersten Sandwiches gibt, fuhren wir gestärkt und guter Dinge weiter. 

Bald darauf kamen wir zum ersten Kontrollposten. Nichts aussergewöhnliches, einfach Papiere zeigen. Wir stoppen und ein Beamter stolzierte breitbeinig auf uns zu. Ibrahima kurbelt die Fensterscheibe runter und hält auch gleich die Wagenpapiere bereit. Der Beamte nimmt sie, schaut alles in einer Seelenruhe an, kontrolliert Führerschein, Zulassung, Versicherung. Ein neugieriger Blick schweift ins Innere des Fahrzeugs.

"Aussteigen!", befahl er in einem groben Ton und kontrollierte in einer angespannten Ruhe weiter. Sicherheitsgurten, Feuerlöscher, Pannendreieck, alles da. Trotzdem lässt er sich ganz viel Zeit dabei, schnalzt immer wieder genervt mit der Zunge. Irgendetwas schien ihm nicht zu passen. 

Fragend schaue ich Ibrahima an: - "Sucht der was?" Ibrahima zuckt die Schultern und ermahnt mich, ruhig zu sein.  Der Beamte schnalzte wieder und wieder mit der Zunge, schaut mich an, und sagte zu Ibrahima gewandt: "Pass!"

Aha, wollte er meinen Pass sehen? Ich wollte ihm diesen geben, doch der Typ ignorierte mich kaltschnäuzig. Zuerst musste ich das Dokument Ibrahima geben, damit dieser es dem Uniformierten weiterreichte.

Halleluja, wie ist der denn drauf ... und ich dachte mir noch viel mehr dazu.

Meine weisse Haut weckte seine Neugierde. Er witterte Geld. Ich sah das Dollarzeichen in seinen Augen blinken. Auch Ibrahima durchschaute seine Absicht und ich merkte, dass er wütend war, sich aber nichts anmerken liess.

Angespannt freundlich; denn er weiss, was der Beamte im Schilde führte und was uns blühen könnte, wenn wir das Spiel nicht mitspielen. 

Obwohl Papiere, auch mein Pass und das Auto in Ordnung waren, liess der Mann nicht locker. Ruhig marschiert er ums Auto herum, und klopfte abschätzig mit einem Stock an den Pneus herum. Ich möchte etwas sagen, doch Ibrahima ermahnt mich erneut still zu sein. Die Situation schien wirklich ernst zu sein. Da ich nichts zu melden hatte, setzte ich mich ein wenig abseits in den Schatten, es war heiss geworden.

Ich spürte wie die Blicke des Uniformierten mir folgten, liess mir aber nichts anmerken. Ich hatte Durst.

Von meinem Schattenplatz aus sah ich, wie ein weiterer Uniformierter sich dazu gesellte. Er wirkte freundlicher, doch ich traute der ganzen Sache überhaupt nicht.

Ibrahima wandte sich an diesen: "Können wir jetzt weiter?" Sie beginnen zu verhandeln, doch der erste Beamte mischte sich andauernd rechthaberisch ein und will erneut die Wagenpapiere sehen. Das Spiel geht also weiter? 

"Mitkommen!" befahl der erste Uniformierte und zitierte uns in ein Betonhäuschen, das wahrscheinlich als Büro vorgesehen war sein sollte. Einige Beamte stiefelten, geschäftiger als der andere herum, doch in Wirklichkeit hatte keiner etwas zu tun. Deshalb haben sie wahrscheinlich auch so viel Zeit für uns? Der einzige der der wirklich etwas Schlaues tat, war der, welcher vor dem Gebäude auf einem Hocker sass und Ataya zubereitete. 

Mir war unwohl. Ibrahima sollte erneut seine Papiere ausbreiten, doch er weigerte sich. Was die Situation immer zäher machte. Ich bat ihn die verdammten Papiere einfach noch einmal auf den Tisch zu legen. Aber das verschlimmerte das Ganze noch mehr. Hinzu kam, dass einer der Uniformierten der hier herumhantierte, aus dem selben Dorf stammte wie Ibrahimas Mutter, also sozusagen ein Verwandter war, und jetzt eigentlich weiterhelfen sollte. Nur das tat er nicht. Er zeigte keine Spur von Kooperation. 

Sie haben ja alle Zeit der Welt. Es war Samstagnachmittag und es gab noch weniger zu tun als sonst. So vertrieben sich die Männer jetzt wahrscheinlich die Langeweile, an diesem unscheinbaren Ort mitten im Nirgendwo.

Ibrahima war wütend, wusste aber auch, dass das so ziemlich das Schlimmste wäre, jetzt auszuflippen, denn das könnte in dieser angespannten Situation mächtig ins Auge gehen. Es ging auch ohne ausflippen ins Auge. Der Beamte fühlte sich in seiner Position voll überlegen und nutzte die Sturheit von Ibrahima voll aus. Auch merkte er, dass ich bereit wäre ihm Geld zu geben, damit wir endlich weiter können. Ibrahima jedoch weigerte sich, diesen Leuten hier auch nur einen einzigen CFA (Währung in Westafrika) zugeben. Und es begann eine lautstarke Diskussion, denn jeder beharrte auf sein Recht. Was soweit führte, dass wir tatsächlich in ein Dorf auf einen "richtigen" Polizeiposten mitkommen mussten. Ich bekam die Kriese.

Das Polizeigebäude, ein eindrückliches, herrschaftliches Haus, wahrscheinlich noch aus der Kolonialzeit stammend, war umgeben von reifen Mangobäumen. An den Mauern entlang säumten sich farbenprächtige Bougainvilleas in Violett-, Weiss- und Pfirsichfarben. Und, vor dem Gebäude wuchs ein stämmiger, wunderschöner, üppig rot blühender Flammenbaum. 

Im ersten Moment war ich froh, hier gelandet zu sein, denn ich musste dringend aufs Klo. Nur in Anbetracht unserer ziemlich beschissenen Lage, konnte ich die Schönheit und die Wohltat dieses Ortes überhaupt nicht geniessen oder wertschätzen. Wir waren alle nur noch genervt.

Eigentlich wollten wir ja Verwandte besuchen und jetzt sitzen wir mit einem Bein schon fast im Gefängnis. Aber weswegen überhaupt?

Der Raum in den wir geführt wurden, war angenehm kühl, mit einem laut surrenden Ventilator an der Decke. Auf einem Stuhl hinter einem riesigen, klobigen Holzpult, sass ein Mann. Es war der Chef Höchstpersönlich. Mir war unwohl. Der Mann begrüsste uns wohlwollend und entpuppte sich als netter und höflicher Mensch, im Gegensatz zu den Beamten. Er bot uns an Platz zu nehmen, liess uns Wasser bringen und fragte sogar ob wir hungrig seien. Nur Ibrahima misstraute weiter und sagte aufgebracht, dass wir nicht zum Essen gekommen wären, sondern weiter wollen. Der Polizeichef beruhigte ihn schmunzelnd, "Ich verstehe." Er hatte etwas sachlich weises an sich, fast ein wenig Väterlich. Er war mir sympathisch. Nachdem sich die die Lage ein wenig beruhigt hatte, begann er mir ein paar Fragen zu stellen. Wollte wissen woher ich kam, wie es mir ginge, ob mir Senegal gefallen würde. Ich glaube es war ihm nicht recht das ich in seinem Land so respektlos behandelt wurde. 

Und fragte ein weiteres Mal ob wir etwas essen möchten. 
"Nein!", intervenierte Ibrahima. "Wir wollen gehen." Und wieder begann eine Verhandlung.

Hört das denn nicht mehr auf, was ist das Problem????

Ich hörte zu, verstand jedoch kein einziges Wort von dem was gesprochen wurde. 

"Sie können gehen Madame", hörte ich die Worte des Polizeichefs. Und  augenzwinkernd sagte er zu Ibrahima: "Du weisst wie es läuft ..." Ich traute meinen Ohren nicht und schaute fragend zu Ibrahima, der schon aufgestanden war. "Komm, wir gehen." Ich war paff. Was war passiert? 

Ich verabschiedete mich dankend. Draussen angelangt, wollte ich natürlich sofort wissen was der Grund für die plötzliche Einsicht war.

"Weil wir gar nichts gemacht haben, alles war in Ordnung. Nur die Beamten waren neidisch und wollten Geld. Doch sie wussten das sie im Unrecht sind. Auch ich habe Rechte in diesem Land, auch wenn ich Rastas trage und jünger bin.", war die Antwort von Ibrahima.  

"So und jetzt gehen wir in Ruhe etwas Essen, bevor die Reise weiter geht ..." :-) 

Lust auf mehr Geschichte von mir? In meinem Buch "Hinter den Kulissen tanzen die Geister" gibt es mehr zu Lesen!